Slowakei - Innenpolitik
Bei den Wahlen im September 1998 gab es einen politischen Umschwung. Die HZDS von Vladimír
Mečiar blieb zwar stärkste Partei, doch die SDK, die Partei des neuen
Ministerpräsidenten
Mikuláš Dzurinda, wurde mit einem Sitz weniger
zweitstärkste Kraft und insgesamt konnten die fünf Oppositionsparteien die
Mehrheit erreichen. Damit war
Vladimír
Mečiar, der in der letzten Phase seiner
Amtszeit sowohl innenpolitisch wie auch außenpolitisch unter Druck geraten war,
geschlagen.
Trotzdem trat er im Juni 1999 bei den Präsidentschaftswahlen gegen
Rudolf Schuster an
und verlor erneut. Am 15.6.1999 wurde Rudolf Schuster als neuer Präsident
vereidigt. Der ehemalige Bürgermeister von Košice und Regierungspräsident der
Ostslowakei war 1992 als Botschafter der Tschechoslowakei nach Kanada gegangen
und galt in der Bevölkerung als großer Hoffnungsträger der slowakischen
Bemühungen um den Anschluss in die europäische Integration. Eine
Hoffnung, die nicht unbegründet war, wie der EU-Beitritt der Slowakei zeigt. In
der Bevölkerung der Slowakei war Schuster dennoch nicht unumstritten.
Fünf Jahre später trat Mečiar erneut an, die Präsidentschaftswahl zu
gewinnen. Doch wieder scheiterte er. Diesmal an seinem langjährigen Weggefährten
Ivan Gašparovič. Diesem hatte eigentlich niemand einen Wahlsieg zugetraut,
doch die Fehler der Regierungspartien, von denen die Ungarnpartei lieber ihren
eigenen Kandidaten stellte (Mikloško) als den Favoriten Kukan zu unterstützen,
wurden von der Bevölkerung abgestraft. Mečiar dagegen dürfte nun endgültig
ins politische Abseits gerückt sein.
Die Regierung Dzurinda hat sich einige Verdienste um die slowakische Politik
erworben. Innenpolitisch jedoch lief nicht alles nach Plan. Nach Auseinandersetzungen innerhalb der
Regierungspartei KDH gab Ministerpräsident Dzurinda im Januar 2000 seinen
Austritt aus der KDH bekannt und gründete zusammen mit Außenminister
Eduard
Kukan und zwei weiteren Ministern der DU die Slowakische Demokratische
Christliche Union (SDKU). Am 26.8.2000 fusionieren beide Parteien. Auch die
Parteienkonzentration ist ein Schritt in Richtung politischer Konsolidierung.
Bei den Wahlen im September 2002 konnte Dzurinda wieder eine Mehrheit erringen,
wenn auch in völlig anderer Zusammensetzung als noch 1998. Dabei schmolz zwar
seine eigene Mehrheit in der Koalition, doch wird die liberal-konservative
Koalition als stärker bewertet als die wackelige Vorgängerin. Die stärkste
Partei HZDS blieb unter ihrem Vorsitzenden Vladimír
Mečiar abermals die Teilnahme an der Regierung verwehrt. Das gleiche
Schicksal ereilte die neuformierte linksgerichtete Bewegung Smer, die mit ihrer
Forderung nach der Ablösung Dzurindas gescheitert war.
Neben einschneidenden Sparmaßnahmen beschloss die neue Regierung 2003 einen
einheitlichen Steuersatz von 19% für alle Waren und Dienstleistungen. Daneben
wurden die staatlich kontrollierten Preise für Energie um knapp 50% und Tabak
um knapp 100% angehoben. Außerdem sollen ab dem Jahre 2004 an slowakischen
Hochschulen Studiengebühren erhoben werden. Die Höhe der Gebühren liegt dann
zwischen 7.000 und 14.000 SKK jährlich und wird von den einzelnen Hochschulen
festgelegt. Gegner der Einführung argumentieren, dass in den letzten Jahren die
Ausgaben für ein Studium bereits auf 3.500 bis 5.000 SKK pro Monat gestiegen
seien (Reise, Unterkunft, Verpflegung). Es soll zwar Stipendien und
Bildungskredite geben, doch noch ist nicht klar, wie die Abwicklung dieser
Gelder aussehen wird.
Die seit 2006 amtierende Regierung unter Führung von Premier Fico ist bei der
Bevölkerung sehr beliebt. Nicht nur ausländische Beobachter halten den
Regierungschef jedoch für einen Populisten. Spötter meinen, Fico profitiere
noch immer von den Reformen, die durch die Regierung Dzurinda auf den Weg
gebracht wurden. Viel reden und wenig handeln scheint das Prinzip der Regierung
zu sein. Trotz allem steht Fico bei der Bevölkerung hoch im Kurs und ein
Regierungswechsel bei der nächsten Wahl gilt als nahezu ausgeschlossen.
Die Roma-Politik
Ein immer wieder aufflammender Punkt in der slowakischen Innenpolitik ist die
Roma-Politik. Laut OECD tragen die ethnischen Vorurteile zur Arbeitslosigkeit
der Roma bei. So sind 83% der rund 385.000 Roma ohne Beschäftigung. Auch
arbeitswillige Roma erhalten in der Slowakei selten eine Anstellung. Die OECD
geht in diesem Zusammenhang von einem Exodus der besser ausgebildeten Roma in
schattenwirtschaftliche Tätigkeiten im Ausland aus. Dies hätte auch negative
Folgen für die Zusammensetzung der Restpopulation in den Roma-Siedlungen. Zudem
würde die Kürzung der Sozialleistungen ein weiteres Hindernis für die
Reintegration der Roma bedeuten.
Neben wirtschaftlichen Problemen gibt es immer wieder innenpolitische
Diskussionen um die Roma. Seitens der Politiker sind Vorschläge über
Zwangssterilisation von Roma-Frauen oder die Ghettoisierung von Roma mit Hilfe
eines Zauns im ostslowakischen Prešov eher die Regel als die Ausnahme.
Allerdings ist der außenpolitische Druck seit dem EU-Beitritt zu groß als dass
einer dieser Vorschläge ernsthaft in Betracht gezogen würde. So dürften
solche Äußerungen eher populistischen Charakter haben, denn das Ansehen der
Roma in der slowakischen Bevölkerung kann als sehr gering bezeichnet werden.
Slowakei-Net.de meint hierzu: Die Probleme der Roma ursächlich in ethnischen Vorurteilen der slowakischen Bevölkerung und den
Kürzungen der Sozialleistungen zu sehen, ist eine einseitige Betrachtungsweise.
Wer einmal «live» durch eine Roma-Siedlung gelaufen ist, kann den
Unmut der Slowaken gegenüber den Roma verstehen. Die Zerstörung der
den Roma oft kostenlos zur Verfügung gestellten Wohnungen treibt einem zivilisierten Menschen Tränen in die Augen. Sehr viele Roma haben
keine Ambition, einer geregelten Arbeit nachzugehen und lebten bisher sehr gut
von den Sozialleistungen, vor allem dem Kindergeld. Viele Roma haben 10 oder
mehr Kinder. Die Kürzungen beim
Kindergeld und bestimmte Regelungen wie ein regelmäßiger Schulbesuch der
Kinder als Voraussetzung für Kindergeldzahlungen hat daher bei den Roma zu
starken Protesten geführt. Die Regierung will durch oben genannte Regelung eine bessere
Schulbildung der Roma-Kinder erzwingen. Es wäre ein Schritt in die richtige
Richtung, denn nur ein Mindestmaß an Bildung kann die erhoffte Integration
zumindest ermöglichen. Wie groß die Wirkung der Reformen wirklich ist,
wird jedoch erst die Zukunft zeigen. Ein Schritt zu mehr Integration wäre es
aber auch, wenn die Politiker im Zusammenhang mit den Roma menschenverachtende
Äußerungen unterlassen würden.
Die Wahlen vom September 2002
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Infos zum Thema ...]
HZDS (Bewegung für eine Demokratische Slowakei): 36 Sitze (gegenüber 1998: -7)
SDKU (Slowakische Demokratische und Christliche Union: aus SDK hervorgegangen):
28 (-14)
Smer (linksgerichtete Partei nach dem Vorbild der brit. Labourpartei): 25 (+25)
SMK (Partei der ungarischen Koalition): 20 (+5)
KDH (Christlich-Demokratische Bewegung): 15 (+15)
ANO (Allianz des neuen Bürgers): 15 (+15)
KSS (Kommunistische Partei): 11 (+11)
SDL (23), SNS (14) und SOP (die Partei von Präsident Schuster, 13) verloren
ihre Sitze im Parlament. Größter Gewinner war die neu gegründete Partei Smer
von
Róbert Fico, die in den Umfragen sogar lange Zeit
führte. Erst auf der Zielgeraden konnte die SDKU von Ministerpräsident Dzurinda
an Smer vorbeiziehen und so die Führungsrolle in der neuen Regierung einnehmen,
nachdem Ex-Premier
Mečiar (HZDS) erwartungsgemäß keine Partner für eine Regierungsbildung
fand. Überraschend waren auch der Einzug der Kommunisten (KSS) und der Partei
ANO ins Parlament. Dem Parteivorsitzenden, Medienzar
Pavol
Rusko, wurde während des Wahlkampfes Einflussnahme durch dessen
Fernsehsender
Markíza vorgeworfen.
Die Wahlen vom September 1998
HZDS (Bewegung für eine Demokratische Slowakei): 43 Sitze (gegenüber 1994: -18)
SDK (Christlich-Demokratische Bewegung: KDH u. Liberale): 42 (+25, 1994 nur KDH)
SDL (Partei der Demokratischen Linken): 23 (+10)
SMK (Partei der ungarischen Koalition): 15 (-2)
SNS (Slowakische Nationalpartei): 14 (+5)
SOP (Partei der bürgerlichen Verständigung): 13 (+13)
Die DU (Demokratische Union) verlor ihre 15 Sitze von 1994 und stellte lediglich
einige Minister, darunter Außenminister Eduard Kukan, bevor sie am 26.8.2000
mit der neu gegründeten SDKU fusionierte. Auch die Arbeitervereinigung (ZRS)
verlor ihre 13 Sitze im Nationalrat.
Letzte Änderung: 1.7.2009