Slowakei - Wahlen 2002
Das Wahlergebnis
Mikuláš Dzurinda ist der Sieger der slowakischen
Parlamentswahlen. Nachdem es lange Zeit nach einem Desaster für die SDKU
aussah, konnte sich die Partei auf der Zielgeraden als zweitstärkste politische
Kraft konsolidieren. Das Wahlergebnis wird allgemein als Abstimmung der Slowaken
über den EU- und den NATO-Beitritt gewertet. Mit dem Sieg des Mitte-Rechts-Bündnisses
scheint der Weg in diese beiden Organisationen geebnet. Dzurinda kann in Zukunft
zwar nur mit einer knappen Mehrheit regieren, muss aber keine linksgerichtete
Partei in der Koalition aufnehmen.
Am 20. und 21. September standen in der Slowakei 25 Parteien zur Wahl. Schon vor
der Wahl war klar, dass sich die HZDS unter Ex-Ministerpräsident
Vladimír
Mečiar völlig isoliert hatte, einerseits mit peinlichen Auftritten
Mečiars im Fernsehen, der während einer Sendung sogar handgreiflich wurde,
andererseits durch ihren Anti-Nato- und Anti-EU-Kurs, der die Slowakei außenpolitisch
in die Isolation geführt hätte. So war keine andere Partei
mehr bereit, mit der HZDS zu koalieren. Trotzdem wurde die Partei mit knapp 20%
wieder stärkste Partei, was die Wertschätzung eines großen Teils der Slowaken
für ihren ehemaligen Regierungschef zeigt. Zu erklären ist dieses Phänomen
wohl am besten mit dem Vergleich zu Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit.
Mečiar war der erste Regierungschef der noch jungen Geschichte der Slowakei.
Nachdem alle Prognosen und Hochrechnungen die Partei Smer und ihren Vorsitzenden
Robert Fico als Favoriten für eine Führungsrolle in der Regierung gesehen
hatten, war das Endergebnis der Wahl doch einigermaßen überraschend. Quasi auf
der Ziellinie konnte die lange Zeit schwächelnde SDKU unter dem alten und neuen
Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda, die Fico-Partei noch abfangen und zweitstärkste
Kraft werden. Damit wird auch Smer nicht in die Regierungsbildung einbezogen.
Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit von ca. 18 Prozent, die vor allem im Osten
nicht gesenkt werden konnte, war das Vertrauen in die Regierung Dzurinda in den
vergangenen Jahren mehr und mehr gesunken. Dennoch hatte die Regierung auch
Erfolge vorzuweisen. So ist der Beitritt zur NATO und in die EU praktisch nur
noch eine Formsache. Zudem wurde ausländischen Investoren der Zugang zum
slowakischen Markt erleichtert. Fico dagegen hatte in der letzten Phase des
Wahlkampfes Fehler gemacht, indem er eine Koalition mit der HZDS ohne Mečiar
nicht ausschloss und mit allzu aggressiven Aussagen gegenüber der Regierung
aufwartete.
Der Stimmungsumschwung in der Bevölkerung kam also in letzter Sekunde. Außerdem
kann Dzurinda ausschließlich mit anderen Mitte-Rechts-Parteien koalieren und
muss nicht, wie in den letzten vier Jahren Parteien des linken Flügels in die
Regierung holen. Die SDKU hat in der Koalition trotzdem an Gewicht verloren,
denn sie verlor gegenüber 1998 über elf Prozentpunkte.
Die Regierung wird demnach von der Slowakische Demokratische und Christliche
Union (SDKU), der Partei der ungarischen Koalition (SMK), der
Christlich-Demokratischen Bewegung (KDH) und der Partei des neuen Bürgers (ANO)
gebildet. Sie wird mit 78 Sitzen eine ähnlich knappe Mehrheit im 150-köpfigen
slowakischen Parlament haben wie die rot-grüne Regierung in Deutschland.
Nicht mehr im Parlament sind die Demokratischen Linken (SDL), die eine herbe
Wahlniederlage erlitten. Die slowakischen Bürger erteilten der Politik der
ehemaligen Kommunisten, die durch das Bremsen von Reformen gekennzeichnet war,
eine klare Absage. Über 13 Prozent verlor die SDL, errang also nur noch ca. ein
Prozent (!) der Wählerstimmen und verschwindet damit in der
Bedeutungslosigkeit. Ebenso nicht mehr vertreten ist die Partei der bürgerlichen Verständigung
(SOP) von Präsident Rudolf Schuster. Überraschend kam dagegen zum erstenmal
die Kommunistische Partei (KSS) ins Parlament, die vermutlich auch vom
Niedergang der SDL profitiert hat.
EU-Kommissar Günter Verheugen zeigte sich mit dem Wahlausgang zufrieden und ist
überzeugt, dass die Slowakei die EU-Beitrittsverhandlungen bis zum Jahresende
abgeschlossen haben wird. Neben der EU begrüßten auch zahlreiche europäische
Regierungen sowie die US-Regierung das Wahlergebnis in der Slowakei. Der
ungarische Außenminister Laszlo Kovacs ist überzeugt, dass das Ergebnis zu
mehr Stabilität in den schwierigen Beziehungen zwischen Ungarn und der Slowakei
beiträgt. Aber nicht nur politische Vertreter äußerten sich positiv. Die neue
Regierung wird als denkbar beste Option für ausländische Investoren gehandelt.
Interessant war das Abschneiden der Parteien der Minderheiten. Während die
ungarische Koalition 11,1 Prozent der Stimmen erreichte, was auf einen fast
100-prozentigen Rückhalt unter der ungarischen Minderheit zurückzuführen ist,
und damit gestärkt in die neue Regierung einziehen wird, kam die Roma-Bewegung
ROI nur auf 0,29 Prozent. Milan Mizic, der Vorsitzende der ROI zeigte sich vom
Wahlverhalten der Roma-Bevölkerung enttäuscht und trat nach der Wahl von
seinem Amt zurück. Allerdings beträgt der Bevölkerungsanteil der Roma auch
nur ca. 1,6 Prozent gegenüber 10,6 Prozent Ungarn.
Die Wahlbeteiligung war mit 70,1% die niedrigste der slowakischen Geschichte.
Wie es nach der Wahl weiter geht, lesen Sie in der Rubrik
Politik-News.
Zahlen, Tendenzen, Ergebnisse
Auch in der Slowakei werden die Stimmungen im Wahlkampf in regelmäßigen Abständen
erfasst. Slowakei-Net.de präsentiert Ihnen nachfolgend die Umfrage-Ergebnisse
von Juni bis September im Vergleich mit den Ergebnissen der letzten Wahlen. Die Wahl
2002 fand am 20./21.9.2002 statt. Im slowakischen Parlament sitzen 150
Abgeordnete.
| Monat
| HZDS
| SDK(U)
| Smer
| SMK
| KDH
| ANO
| KSS
| HZD
| SNS
| SDL
| SOP
| Sonst.
|
| Wahl '92 |
74 S. |
--- |
--- |
14 S. |
18 S. |
--- |
--- |
--- |
15 S. |
29 S. |
--- |
--- |
| Wahl '94 |
61 S. |
--- |
--- |
17 S. |
17 S. |
--- |
--- |
--- |
9 S. |
18 S. |
--- |
s. Anm. |
| Wahl '98 |
43 S.
27% |
42 S.
26,3% |
--- |
15 S.
8,1% |
--- |
--- |
--- |
--- |
14 S.
9,1% |
23 S.
14,7% |
13 S.
8% |
6,8% |
| Juni |
25% |
11,3% |
14% |
10% |
6,6% |
11,2% |
--- |
--- |
5% |
--- |
--- |
16,9% |
| Juli |
26% |
9,8% |
14,6% |
10% |
7,8% |
8% |
--- |
--- |
--- |
--- |
--- |
23,8% |
| August |
20% |
9,5% |
16% |
12% |
6% |
10% |
--- |
5% |
--- |
--- |
--- |
21,5% |
| September/1 |
16% |
9,6% |
17% |
10,6% |
9,4% |
8,4% |
--- |
(7) |
--- |
(8) |
--- |
29% |
| September/2 |
15,7% |
11,4% |
16,8% |
10,9% |
8,5% |
8,9% |
--- |
(7) |
(8) |
(9) |
--- |
27,8% |
| Hochrechnung |
16,3% |
13,9% |
15,1% |
9,9% |
8,9% |
8,2% |
5,9% |
--- |
--- |
--- |
--- |
21,8% |
| Wahl 2002 |
36 S.
19,5% |
28 S.
15,1% |
25 S.
13,5% |
20 S.
11,2% |
15 S.
8,3% |
15 S.
8,0% |
11 S.
6,3% |
3,28% |
3,32% |
1,36% |
--- |
18,4% |
| Wahl 2002 Gewinne/Verluste |
-7 S.
-7,5% |
-14 S.
-11,2% |
+25 S.
+13,5% |
+5 S.
+3% |
+15 S.
+8,3%
|
+15 S.
+8,0% |
+11 S.
+6,3%
|
+3,28% |
-14 S.
-5,78% |
-23 S.
-13,34% |
-13 S.
-8% |
--- |
S. = Sitze
1994 waren noch die Demokratische Union (DU, 17 Sitze, 1998 aufgegangen in die
SDK) und die Arbeitervereinigung (ZRS, 13 Sitze) im Parlament.
(7) = keine Prozente angegeben, Rang 7, Chancen auf
Einzug in das Parlament
Erläuterungen zu den Parteien (Stand: 2002)
| HZDS |
Bewegung für eine Demokratische Slowakei (Nationalisten), Partei
von Oppositionsführer und Ex-Ministerpräsident Vladimír
Mečiar. Lange die populärste slowakische Partei, wurde die ehemalige Bürgerbewegung
vor allem durch ihren machtbesessenen Vorsitzenden in Verruf gebracht. War
zunächst gegen eine Westorientierung und pflegte intensive Beziehungen zu
Russland. Durch diese Politik und einige zweifelhafte innerpolitische
Vorgehensweisen führte Mečiar die Slowakei außenpolitisch fast in die
Isolation. Als EU- und NATO-Beitritt für die Bevölkerung zu wichtigen
Themen wurden, schwenkte die Partei in ihrem Kurs um und stand bis Mitte
2002 wieder bei 30% der Wählerstimmen bevor die Abspaltung der HZD und
Diskussionen um eine Privatvilla
Mečiars der Partei massive Stimmeinbußen bescherten. |
| SDK |
Slowakische Demokratische Koalition; Sammelpartei aus
Christlich-Demokratischer Bewegung (KDH), den Liberalen und anderen. Im
Jahr 2000 wegen Streitigkeiten innerhalb der Partei zerfallen. |
|
SDKU |
Slowakische Demokratische und Christliche Union, Nachfolgepartei der
SDK,
Partei von Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda, gegründet Mitte 2000 wegen Streitigkeiten in der
SDK,
Fusion von SDK und DU. Die SDKU hat die deutsche CDU als Vorbild. Dzurinda
trimmte die Partei auf EU- und NATO-Kurs. Nach den verheerenden Einbrüchen
in der Wählerbeliebtheit im Laufe der Regierungsperiode, konnte die SDKU
kurz vor den Wahlen wieder auf über 11% der Stimmen zulegen. |
|
DU |
Demokratische Union; fusionierte im August 2000 mit der SDK
nachdem sie bei den vorangegangenen Parlamentswahlen alle 1994 errungenen
15 Sitze verlor und nur noch einige Minister stellte |
| SDL |
Partei der Demokratischen Linken (ehemalige Kommunisten) |
| SMK |
Partei der ungarischen Koalition unter dem Vorsitz Bela
Bugars. Die Partei kann auf fast hundertprozentige Unterstützung unter
der ungarischen Minderheit zählen, die ca. 500.000 Menschen umfasst. Von
der slowakischen Bevölkerung wird die SMK nicht gewählt, obwohl sie als
eine Partei der Mitte und als stärkste Reformkraft neben Dzurindas SDKU
gilt. Fordert als einzige Partei die Abschaffung der Beneš-Dekrete, auf
deren Grundlage viele Ungarn vertrieben wurden. |
| SNS |
Slowakische Nationalpartei. Verfolgt einen anti-ungarischen
Kurs. Parteivorsitzende Anna Malíková wird wegen ihrer autoritären
Führung kritisiert, möchte aber einen gemäßigteren
national-konservativen Kurs einschlagen. Die SNS hält offiziell jedoch an
ihrem aggressiven Kurs - unter anderem gegen die Roma - fest und spricht
sich gegen den Beitritt zur NATO und in die EU aus. Die SNS tendiert an
der Schwelle zur Fünf-Prozent-Hürde. |
| SOP |
Partei der bürgerlichen Verständigung. Die Partei trat
erstmals zur Wahl 1998 an. Vorsitzender ist der slowakische Präsident
Rudolf Schuster. Im nächsten Parlament wird die SOP vermutlich nicht mehr
vertreten sein. |
| ZRS |
Arbeitervereinigung. Die ehemalige Regierungspartei erreichte 1998 nur noch 1,3% der
Stimmen. |
| Smer |
1999 gegründete, linksgerichtete Partei (übersetzt «Richtung»), die sich die britische Labourpartei Tony Blairs und
die SPD unter Gerhard Schröder zum Vorbild nimmt. Parteiführer Fico will
sich weder dem linken noch dem rechten Flügel zuordnen lassen und spricht
vom «dritten Weg», den er beschreiten will. Smer steht dem NATO-
und dem EU-Beitritt positiv gegenüber, vertritt jedoch auch nationale
Interessen. Der Vergleich mit seinen beiden Vorbildern ist angebracht,
denn Fico ist ein ebenso charismatischer und redegewandter Politiker wie
Blair und Schröder. In den Umfragen ist ein stetiger Aufwärtstrend zu
erkennen. |
| HZD |
Bewegung für Demokratie; die Partei wurde erst Mitte Juli
2002 von dem populären Ex-Parlamentsvorsitzenden und Mitglied von Mečiars
HZDS Ivan Gašparoviè gegründet; die HZD gilt daher als Konkurrenzpartei
Mečiars. Für viele ist die Partei aber nur eine Kopie der HZDS. Der Wähleranteil
schwankte in den letzten Wochen zwischen 5 und 8 Prozent. |
| KDH |
Christlich-Demokratische Bewegung. Die KDH steht für die
Verteidigung christlicher und nationaler Werte. Vorsitzender ist Pavol Hrušovský,
der Ende 2000 den langjährigen Vorsitzenden Ján Carnogurský ablöste.
Die KDH ist die ehemalige Partei von Regierungschef Dzurinda, aus der
dieser am 17.1.2000 austrat, um die SDKU zu gründen. |
| ANO |
Allianz des neuen Bürgers, programmatische Abkürzung ANO
('Ja'). Gegründet 2001 vom slowakischen Medienzar Pavol
Rusko,
Besitzer des Privatsenders Markíza. Rusko zug sich den Unmut seiner
politischen Gegner zu, indem er seinen Sender zur Wahlpropaganda für
seine Partei missbrauchte. Es bestehen durchaus Ähnlichkeiten mit
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. |
Rückblick: Erste Hochrechnungen nach der Wahl
Ersten Hochrechnungen zufolge kommen sieben Parteien ins neugewählte slowakische
Parlament: Wahlsieger wäre danach die Partei von Ex-Ministerpräsident Vladimír
Mečiar (HZDS) mit 16,3% vor der zum ersten mal antretenden Partei Smer mit
15,1% und der Partei von Ministerpräsident Dzurinda (SDKU) mit 13,9%. Auf den
weiteren Plätzen folgen die Partei der ungarischen Koalition SMK mit 9,9%, der
Christlich-Demokratischen Bewegung (KDH) mit 8,9%, ANO mit 8,2% und der
Kommunistischen Partei der Slowakei mit 5,9%. Die Partei der Demokratischen
Linken (SDL), die von der HZDS abgespaltete HZD und die am rechten Rand
stehenden Nationalisten SNS scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.
Eine kleine Überraschung ist der Einzug der Kommunisten, denen im Vorfeld der
Wahl kaum eine Chance zum Einzug ins Parlament eingeräumt wurde. Die
Regierungspartei SDKU konnte sich gegenüber den Prognosen mit knapp 14%
deutlich konsolidieren und lag um ca. vier Prozentpunkte besser als kurz vor der
Wahl vorhergesagt. Damit haben die Appelle zahlreicher politischer und
gesellschaftlicher Persönlichkeiten Früchte getragen, die auf die Bedeutung
der Wahlen für die Zukunft der Slowakei hingewiesen haben. In das Parlament
wurden mehrheitlich Parteien gewählt, die den Beitritt der Slowakei in die EU
und die NATO unterstützen.
Vor der Wahl ...
Rückblick - so war die Situation vor der Wahl:
Nicht nur hierzulande, auch in der Slowakei wird im September ein neues
Parlament gewählt. Das von Arbeitslosigkeit (um 18%) gebeutelte Land steht vor
einem erneuten Regierungswechsel. Die Regierungspartei SDK, die bis 2000 durch
innere Streitigkeiten auffiel, so dass Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda eine neue
Partei - die SDKU - gründete, konnte dem Volk die erreichten Fortschritte nicht
deutlich machen. Neben der Arbeitslosigkeit missfallen den Slowaken vor allem
die starke Inflation und die regionalen Unterschiede in der wirtschaftlichen
Struktur. So herrschen in der Mitte und im Osten der Slowakei bis zu 30%
Arbeitslosigkeit.
Allerdings ist das politische System der Slowakei ein wenig anders als in
Deutschland (siehe
Politik-Seite). Der populäre
Staatspräsident Rudolf Schuster (am 29.5.1999 mit 57,2% der Stimmen vom Volk
gewählt und damit noch bis 2004 im Amt) ist der eigentliche Sympathieträger
des Volkes. Der Präsident der Slowakei hat umfangreiche Befugnisse. Allerdings
wird dessen Partei SOP momentan keine Chance auf den Einzug ins Parlament eingeräumt.
Für
Ministerpräsident Dzurinda wird entscheidend sein, welche Gruppierungen
miteinander koalieren.
Nachdem sich 1998 ein Trend zur Parteienkonzentration abzuzeichnen schien, ist
die politische Landschaft in der Slowakei nun wieder sehr diffus. Im Prinzip ist die Wahl völlig offen, da die etablierten Parteien abgefallen
sind und neue Bewegungen gegründet wurden. So erreicht die außerparlamentarische
Smer-Partei in den Umfragen zur Zeit 17,6% der Wählerstimmen. Dramatisch
dagegen der Einbruch der SDKU, die seit der Wahl 1998 knapp 17% der Wählerstimmen
verlor. Zuletzt konnte der freie Fall etwas gestoppt werden.
Zur Zeit kommen folgende Parteien für eine Regierungskoalition in Frage: Smer,
SMK, SDKU, KDH und ANO, wobei vor allem Smer und ANO bei den anderen Parteien
als fraglich gelten. Nicht dabei sein wird die HZDS, die nach einem
zwischenzeitlichen Hoch mit 30% auf zur Zeit ca. 16 Prozentpunkte abrutschte und
spätestens seit der Abspaltung des gemäßigten Flügels in die neugegründete
HZD als nicht mehr regierungsfähig gilt, obwohl sie vor allem von älteren
Menschen noch gerne gewählt wird. Überhaupt wird ein neuerlicher Umschwung in
der Stimmung der Bevölkerung deutlich. So gewinnt die katholische Kirche in dem
tiefreligiösen Land wieder vermehrt an Einfluss. Dies wird auch deutlich im
Wiedererstarken der KDH, die 1998 gar nicht im Parlament vertreten war, in den
Umfragen jedoch wieder knapp 10% der Stimmen auf sich vereint. Außerdem haben
die ehemaligen Kommunisten (SDL), die zwischenzeitlich bereits abgeschrieben
schienen, wieder eine Chance auf den Einzug ins
Parlament.
Für die Slowakei sind die Wahlen ein Wegweiser, wie sich das Land künftig außenpolitisch
positioniert. Es geht um den
Beitritt in die europäische Union und die NATO. Eine geringe Wahlbeteiligung
gilt als Vorteil für die Partei von Ex-Ministerpräsident Vladimír
Mečiar (HZDS). Wenn die EU eine hohe
Wahlbeteiligung wünscht, sagt sie quasi durch die Blume, welche politische
Richtung sie in der Slowakei sehen möchte. Die NATO äußert sich da deutlicher: Kein
NATO-Beitritt der Slowakei unter Vladimír
Mečiar! Die EU stellt der Slowakei in ihrem letzten Fortschrittsbericht gute
Noten aus. Die Slowakei wird voraussichtlich in der nächsten Beitrittsstufe
dabei sein. Verhindern kann dies eigentlich nur ein Wahlsieg der HZDS, doch der
ist in den letzten Wochen immer unwahrscheinlicher geworden.
Nach der Wahl gilt es, schnellstmöglich eine Regierung zu bilden, denn wichtige
Termine stehen im Herbst 2002 für die Slowakei an: Im Oktober stehen die
wichtigen Abschlussverhandlungen zum EU-Beitritt an und am 21. November findet der
NATO-Gipfel in Prag statt.
News vor der Wahl
Am
15.7. wurde die HZD konstituiert. Die Partei des populären
Ivan Gasparovic, der u.a. auch als Nachfolger
Mečiars gehandellt wurde, erreichte im August die 5%-Grenze, errang also fast
genau so viele Stimmen, wie
Mečiars Partei verlor. Anlass für die Spaltung war der HZDS-Wahlparteitag in
Nitra. Dort wurden alle HZDS-Politiker über 60 Jahre von der Kandidatenliste
für die Parlamentswahlen gestrichen. Einzige Ausnahme blieb
Mečiar, der am 26. Juli 60 Jahre alt wird. Der 60-jährige Gasparovic, für den
sich mehrere Bezirksorganisationen stark machten, erklärte das Geschehen für 'undemokratisch'
und entschied sich zusammen mit Gesinnungsfreunden, die HZDS zu verlassen. Ivan
Gasparovic wurde daraufhin auf dem Gründungsparteitag der HZD zum
Parteivorsitzenden gewählt.
30.7.: Der Wahlkampf in den slowakischen Medien startet in der 4.
Augustwoche. Insgesamt dürfen die Parteien im Fernsehsender STV rund 46 Minuten
Wahlpropaganda betreiben und im slowakischen Rundfunk eine knappe Stunde. Auf
Kritik stieß, vor allem bei den kleineren Parteien, die Gebühr, die für die
Wahlkampagnen von den Medienanstalten erhoben wird und die im Fernsehen rund
1.800 Euro und im Radio knapp 1.300 Euro betragen wird.
Am
31.7. startete die Kampagne 'Wahl 2002', die die Wahlmüdigkeit
der Slowaken bekämpfen soll.
In einer Umfrage
Ende August äußern sich 35% der slowakischen Bevölkerung
kritisch gegenüber der Kompetenz ihrer Politiker, nur 26% sind der Meinung,
dass die Politiker eine gute Arbeit verrichten. Der kompetenteste Politiker ist
in den Augen der Slowaken Robert Fico, der Vorsitzende der außerparlamentarischen
Smer-Partei, die in dieser Umfrage auch zum ersten Mal die HZDS vom ersten Platz
in der Wählergunst verdrängen konnte.
Seit Mitte 2002 verlor die HZDS rund 10
Prozentpunkte, was nach Meinung der Wahlforscher in erster Linie mit der
Abspaltung der HZD zusammenhängt. Trotzdem gilt der HZDS-Vorsitzende Vladimir
Mečiar bei den Slowaken als zweitkompetentester Politiker, noch vor dem
jetzigen Ministerpräsidenten Mikuláš Dzurinda. Der Smer-Vorsitzende Robert
Fico macht sich derweil bei den Regierungsparteien schon mal unbeliebt, indem er
die jetzige Regierung als »genauso korrupt wie die Regierung
Mečiar« bezeichnet. Daher wird eine Einbeziehung der Smer-Partei in die
Regierungsbildung ausgeschlossen. Trotz der dramatischen Verluste der SDKU, die
in den Umfragen immerhin wieder den vierten Platz erreicht, die davor aber 17%
(!) schlechter lag als bei der Wahl 1998 wird ein neues Mitte-Rechts-Bündnis für
wahrscheinlich gehalten.
Damit wären auch die Voraussetzungen für die weitere
Teilnahme an den EU-Beitrittsverhandlungen erbracht. Denn obwohl über 60% der
slowakischen Bevölkerung der Meinung ist, der Ausgang der Wahl sollte keinen
Einfluss auf die Beitrittsverhandlungen mit NATO und EU haben, so gilt es unter
Politik-Experten als unwahrscheinlich, dass die Slowakei unter der erneuten Führung
Mečiars eine Chance auf den Beitritt in die beiden Organisationen hat.
Eine Umfrage
Anfang September ergab, dass rund ein Drittel der Slowaken
nicht zur Wahl gehen werden.
Staatspräsident Schuster ließ
Mitte September verlauten, er wolle den nächsten
Premierminister auswählen. Er bezieht sich auf sein Verfassungsrecht, von dem
die Präsidenten bei den vergangenen Wahlen jedoch keinen Gebrauch machten und
es den vom Volk gewählten Mehrheits-Parteien überließen, Ihren Vorsitzenden
zu wählen. Slowakische Politologen halten das Vorhaben des Präsidenten für
bedenklich, da sie der Meinung sind, dass die Entscheidung von persönlichen und
politischen Sympathien und Antipathien geleitet werde.
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Letzte Änderung: 20.2.2005